Darf das denn sein?

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Prignitzer43
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Darf das denn sein?

from Prignitzer43 on 05/21/2009 02:57 AM

Darf das denn sein?
oder
Wie ich zur Toleranz finde

Nun ja, wie alle, die mit rundum wachen Sinnen durch den Alltag gehen, frage ich mich alle naselang, ob dies oder das denn sein darf. Darf es das geben? Und wenn es das nun schon gibt, darf ich es stehen lassen, gehen lassen? Oder sollte ich dagegen angehen? – Mit anderen Worten: Wann muss ich Toleranz aufbringen? Und wo habe ich zu sagen: „Bis hierher und nicht weiter!“ (Was durchaus nicht etwa das Gegenteil von Toleranz, also intolerant sein muss.)

1.
Die Entscheidung für oder wider die Toleranz ist für mich keine Ermessensfrage, jedenfalls nicht in dem landläufigen Sinne, dass ich eine solche Entscheidung meinem Gutdünken anheimstelle. Täte ich es, machte ich mich zum Maß aller Dinge, gehörte also zu den Menschen, die immer von sich auf andere schließen, und dann wäre es um meine Toleranz unter Umständen arg mäßig bestellt.

2.
Meine Toleranz möchte ich keineswegs abhängig machen von meinem mal mehr, mal wenig ausgeprägten Empathievermögen sowie von meiner wie auch immer gearteten Sensibilität. Vor solchen unwägbaren, oft meiner Tagesform geschuldeten und damit nie und nimmer verlässlichen Größen hüte ich mich, so gut ich es vermag. Gefordert ist einzig mein Nachdenken und mein Informiertsein, und selbst wenn ich nebenher tatsächlich Gefühle gelten lasse, dann bitte nur die, die Bert Brecht einmal die durchs Denken gereinigten genannt hat. Ich muss bewusst tolerant sein, ich muss wissen, warum ich tolerant bin, ich muss auf Grund von Argumenten tolerant sein, sonst bin ich nicht verlässlich tolerant. Sonst klappt es mal, und mal klappt es nicht.

3.
Für tolerant halte ich mich erst dann, wenn ich gelten lasse, was ich nicht nachvollziehen, nicht nachfühlen, nicht nachempfinden kann, oder/und was ich (aus welchen persönlichen Gründen auch immer) niemals tun würde, was aber, bedenke ich es recht, niemandem schadet; keinem Menschen, keiner anderen Kreatur und der Natur insgesamt nicht. Und daraus folgt für mich:

4.
Das Ausmaß meiner Toleranz oder die Höhe meiner Toleranzschwelle ist abhängig von meinem jeweiligen Wissensstand um Mensch, Kreatur, Natur. Mein Toleranzvermögen ist also keine konstante Größe. Das heißt, was ich gestern meinte, nicht hinnehmen zu dürfen, kann ich heute eventuell sehr wohl stehen lassen können, weil ich heute kundiger bin als gestern. Und das heißt umgekehrt, was ich gestern noch habe durchgehen lassen, von dem weiß ich womöglich heute, dass ich das nicht auf sich beruhen lassen darf, und dann lasse ich es auch nicht mehr auf sich beruhen. Tolerantsein ist für mich das, was man in der Kunst ein: „Work in progress“ (eine laufende Arbeit) nennt; ein unvollendetes Werk, das laufend fortgeschrieben wird und oft ohne die Absicht daherkommt, je vollendet zu werden. Das heißt: Bin ich bestrebt, tolerant sein zu wollen, habe ich mich einem Bestreben verpflichtet, das, solange ich des Nachdenkens und des Mich-Informierens fähig und willens bin, nie an sein Ende kommt. Tolerant kann ich nur sein, wenn ich mein Toleranzbestreben als nimmer endenden Prozess verstehe. Ich muss wissen, dass die Höhe meiner Toleranzschwelle stets und ständig eine vorläufige ist. In dem Moment, in dem ich sie als ein- für allemal gegeben ansehe, öffne ich meinem Intoleranzpotential Tor und Tür, anstatt immer erneut meinem Toleranzvermögen neue Tore, neue Türen aufzustoßen... Work in progress, Vollendung ein Unding; nur der Arrogante, dadurch Ignorante, hält sein Toleranzvermögen für erschöpfend ausgelotet.


5.
Mein Toleranz beziehe ich übrigens von vornherein nicht aus der Sozialisation, der ich anheimgefallen, nicht aus dem Kulturkreis, in den ich hineingeboren worden bin, denn Toleranz ist für mich ein Synonym für Humanität, und Humanität halte ich nicht für teilbar durch sogenannte Werte und Normen, resultierend aus Sozialisations- und Kulturkreisgeboten und -verboten. Ich werde mich hüten, aus der Sozialisation heraus, die ich über mich hab’ ergehen lassen müssen, meine Entscheidungen für oder wider die Toleranz zu treffen. Denn hütete ich mich nicht davor, entmündigte ich mich selbst, weil ich es unterließe, mich meines eigenen Verstandes zu bedienen (den uns beispielsweise Immanuel Kant eindringlich ans Herz gelegt hat). Wer sich auf seine Sozialisierung beruft, indem er ihr sein Toleranzvermögen oder –unvermögen zuschreibt, ist zu faul oder zu feige nachzudenken, zumal Sozialisation keine absolute, sondern eine relative Größe ist; beruht sie doch stets auf gesellschaftlichen Übereinkünften, und solche Übereinkünfte sind immer historisch bedingte und damit auch immer endliche Übereinkünfte. Daher hat der Mensch sehr wohl die Freiheit, diese Übereinkünfte beiseite zu lassen, wenn er erkennt, dass sie der Humanität nicht oder nicht mehr förderlich sind. Und was die sogenannten Kulturkreise angeht: sie beruhen doch wohl allesamt auf religiösen Fundamenten. Und Religion, welche auch immer, ist Glaube an etwas, nicht Wissen von etwas. Auch wenn Millionen Gläubige aller Religionen ihren Glauben lautstark und nicht selten eifernd geifernd als Wissen/Gewissheit ausgeben, ändert es nichts daran, dass sie absolut nichts wissen, und wenn sie dennoch aus diesem Nicht-Wissen (Unwissen) Gesetze fürs gesellschaftliche Leben abzuleiten die Macht haben, erstirbt jede Toleranz über kurz oder lang in Kreuzzügen oder Heiligen Kriegen. Glaube, als Wissen ausgegeben, ist der Toleranz ärgster Feind seit je, denn der Gläubigen hassenswerteste Gegenüber, geben die Gläubigen ihren Glauben als Wissen aus, ist der Verstand und wer sich seiner bedient. Aber nur wer sich seiner bedient, findet zur Toleranz, auf die sich der Mensch, der der Toleranz bedarf, verlassen kann. Und zwar jeder Mensch, egal, aus welchem Kulturkreis er stammt. Andersherum darf kein Mensch erwarten, aus welchem Kulturkreis er auch immer stammt, dass der Verstand (im Kant’schen Sinne) sich irgendeinem religiösen Glauben, fußend auf sogenannten heiligen Schriften, unterordnet und also gutheißt, was nicht gut ist. So gibt es beispielsweise in den Menschenhand- oder richtiger: Männerhandschriften Thora, Neues Testament, Koran eine Vielzahl die Menschenwürde (meist die Frauenwürde) mit Füßen tretende Aussagen. Ich, im sogenannten christlichen Abendland gezeugt, würde nicht einmal die Zehn Gebote blindlings unterschreiben, nicht einmal das absolute „Du sollst nicht töten“ (sonst müsste ich ja auch jene Menschen verdammen, die Hitler töten wollten), und die sogenannte Bergpredigt des Jeshua von Nazaret(h) lasse ich ebenfalls nicht blindlings passieren. Ganz zu schweigen von den Aussagen des eigentlichen Religionsstifters „Christentum“, nämlich des Fanatikers Paulus. Dessen Auslassungen sind für einen, der seinen Verstand nicht an der Kirchentür abzugeben die Lust hat, zum nicht geringen Teil zum Gänsehaut-Kriegen. Vielleicht nicht aus der Zeit heraus, in der der Herr Paulus sie den Gemeinden in Rom, Korinth, Ephesus ans Herz gelegt hat, aber wer dessen Briefe heutzutage noch dem geheiligten, also dem angeblich von Gott diktierten Kanon zuschreibt, versündigt sich an der Humanität. Womit ich nur sagen möchte, wir müssen im sogenannten christlichen Abendland nicht bis in die von einem gewissen Mohammed aufgezeichneten Tiefen und Untiefen des Koran hinabsteigen, um zu wissen, wie sehr ein Glaube, eine Religion, eine Ideologie der Intoleranz und damit der Inhumanität Tür und Tor öffnet. Glaube, in welcher Daherkommensweise auch immer, schiebt stets dem Nachdenken und damit dem Wissenwollen an irgendeiner Stelle den Riegel vor. Jeder Glaube sagt dem Verstand irgendwann: „Bis hierher und nicht weiter!“ Jeder Glaube nimmt irgendwann dem Verstand seine Würde. Und das muss er auch wollen, sonst bläst ihm der Verstand über kurz oder lang das Lebenslicht, sprich: die Berechtigung aus. Woraus für mich folgt: Von Werten und Normen eines Kulturkreises, den eine Religion/ein Glaube kreiert hat, lasse ich mir nicht vorschreiben, was ich an menschlichem Verhalten hinzunehmen, was ich abzulehnen habe. Ich lasse mir doch mein Nachdenken nicht aushebeln, weil mir jemand sagt: „Bei uns ist das halt so.“ Hätte Mose gesagt, Jesus gesagt, Paulus gesagt, Mohammed gesagt, etc., etc. Waren alles Menschen, und ich werd’ doch eines Menschen Rede/Schreibe nicht unreflektiert stehen lassen. Ich knipse keines Menschen wegen das Licht meines Verstandes aus. Mein Verstand kann irren, aber das muss mir erst der Verstand eines anderen Menschen beweisen. Und ein Glaube beweist gar nichts. Jeder Glaube drückt sich nämlich vor Argumenten. Wer keine hat, der glaubt. Das ist ja auch so einfach. „Steht in der Bibel“, „Steht im Koran“, oder worüber Heinrich Böll sich mal lustig gemacht hat, dass die Leute sagen: „Das hat in der Zeitung gestanden.“ - Mit anderen Worten: Wo immer es gestanden hat oder steht, man nimm’s, wie es da gestanden hat, wie es da steht, und kann sich als gerechtfertigt zurücklehnen, weil: Dann ist man ja nicht intolerant, sondern „fest im Glauben“, und ein Mensch, der fest im Glauben steht, wird ja überall nahezu als Heiliger gehandelt, anstatt als das, was er in Wahrheit ist: ein von einer Phobie gegeißeltes Geschöpf: ein von panische Angst vor seinem Verstand Gezeichneter. – Und von solchen Menschen soll ich mir vorschreiben lassen, was ich hinzunehmen habe? – Ich werde mich hüten!

Reply Edited on 01/21/2010 12:31 AM.

SigridEbert

68, female

Posts: 24

Re: Darf das denn sein?

from SigridEbert on 05/21/2009 08:07 PM

Lieber Hermann,

ich bin sprachlos – habe noch nie und nirgends eine so auf den Punkt gebrachte Zusammenfassung zum Thema "Toleranz" gelesen!

Es gibt nichts dass ich hinzufügen oder anmerken wollte, weil - es ist alles gesagt!

Ich kann nur sagen:

1. JA!
2. JA!
3. JA!
4. JA!
5. JA und nochmals JA!

Hermann, für diesen Beitrag liebe ich dich, DANKE!

Deine Schülerin

Sigrid

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