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Re: Dummheit tolerieren?
von Hans am 06.04.2009 21:06Ja, die beiden Formulierungen hab ich mir auch gespeichert, im PC wie im Hirn.
Vielleicht noch eine Überlegung am Rande, die aus meiner Lektüre zur Hirnforschung kommt:
1. Unser Hirn kann nicht Nichtlernen, es lernt *immer*
2. In wiederholbaren Experimenten zu (sehr einfachen) Handlungsalternativen kann bis zu 10 sec. sicher voraus gesagt werden, welche Entscheidung der Probant treffen wird.
Ohne jetzt in die Diskussion zur Willensfreiheit, Funktion des "Ich" etc. einzusteigen, scheint mir klar zu sein, dass immer die *ganze Person* reagiert bzw. lernt, also nicht nur der bewusste Anteil. Dann ist Widerstehen gegen Dummheit (Dummheit gemäß Hermanns Definition) immer auch gleich das Auslösen eines Lernvorgangs, und sei er noch so simpel.
Ja, Widerstehen ist richtig und sinnvoll.
Und ich muss zugeben, dass Ironie nicht unbedingt die richtige Variante ist.
Aber manchmal finde ich meinen Spaß wichtiger als Pädagogik 
Re: Das Altern - ein Fest
von Warschauer69 am 02.04.2009 04:19Geschätztes Publikum, wenn Sie Ihr ganz persönliches Fest Ihres ganz persönlichen Alterns noch nicht so recht auszugestalten wissen, empfehle ich zu diesem Thema folgende Rubriken (bei google nachzuschlagen):
Das Wort zum Sonntag
Die Sonntagspredigt
Erbauliches zur Nacht
In schweren Stunden
Positiv trauern
In Würde verschimmeln
Die Kunst, sich zu drapieren
Der Sex mit dem Sensenmann
Desweiteren wäre zu empfehlen: Augen zu, und durch!
Und zum Geleit der uns hier gepriesenen Festivität ein Wort meiner Großmutter Alice Sara Goldenwieser: "Trübe Gedanken sind wie trübe Suppen: Von beidem wird einem übel."
Ich knipse keines Menschen wegen das Licht meines Verstandes aus. Mein Verstand kann irren, aber das muss mir erst der Verstand eines anderen Menschen beweisen.(Hermann W. Prignitzer)
Esther
Gelöschter Benutzer
Das Altern - ein Fest
von Esther am 01.04.2009 13:02
Jaja – irgendwann ist es soweit. Dann umkreisen sie Jeden, die Gedanken um das eigene Altern. Und Manche kreisen sie ein. Das Jugend- und Jungsein-orientierte Bewertungsschema der Gesellschaft, die darauf ausgerichteten Synonyme der Umgangssprache, all dies prägt sich ins Bewusste und ins Unbewusste, schlägt sich nieder im eigenen Umgang mit dem natürlichen Weitergehen aller Wesen in der ihnen zugeteilten Zeit.
Wer sich stark von der Meinung der Allgemeinheit abhängig macht, vielleicht mit (vermeintlichen) Verlusten nie gut umgehen konnte, der kann auch sicher damit nicht gut umgehen, wenn ihm die hochgejubelte äußere Jugendlichkeit sozusagen „verlustig“ geht. Ich glaube, es besteht bei älteren Menschen vielfach die Neigung, negative Ereignisse als Resultate des Alters zu sehen. Jeder Mensch hatte aber doch immer wieder im Laufe seines Lebens Schwellen in andere Lebensphasen zu überschreiten und schwierige Situationen zu meistern, das beginnt ja nicht erst mit dem äußerlich erkennbaren Alter. Die Ablehnung durch Andere, das Nicht-Attraktiv-Sein in den Augen Anderer – das passiert doch (denke ich halt) Jedem auch mal in jungen Jahren. Das Weitergehen erfordert nun mal in jedem Lebensalter Flexibilität. Ich glaube, es sind größtenteils Äußerlichkeiten – das Schielen auf die Reflexion durch die Gesellschaft, das ständige Ringen um Anerkenntnis unwichtiger Äußerlichkeiten – die manchen Menschen das Altern als Makel erscheinen lassen. Ich setze für meine Ausführungen mal die grundsätzliche körperliche und geistige Gesundheit von Menschen voraus (abgesehen von körperlichen Abnützungserscheinungen, die ein ganz natürlicher Prozess des Weitergehens sind).
Für einen körperlich einigermaßen gesunden Menschen ist es ein verqueres Denken, das ihm das Altern schwer macht. Anders kann ich es mir nicht vorstellen.
Denn was hindert einen denn daran, gerade diese Lebensphase nicht als Geschenk anzunehmen? Ein Geschenk, das es genauso voll auszukosten gilt wie einstmals die Jugend – die ja auch nicht immer nur schön war, wenn wir mal ganz ehrlich sind. Die Voraussetzungen für das Auskosten sind halt ganz einfach andere. Das muss man registrieren und sich danach körperlich und geistig ausrichten.
Ich werde in zwei Jahren sechzig. Ich freue mich irrsinnig darauf, obwohl ich noch nie Geburtstage als was Besonderes ansah oder sie besonders feierte. Aber auf den Sechziger freue ich mich, weil es absehbar ist, dass dann meine Lebensumstände leichter und freier sind. Weil ich dann erst so richtig loslegen werde.
Ich habe zum Beispiel überhaupt keine sogenannte „Sicherheit“, ich lebe immer noch am Drahtseil, ich weiß nicht, wo ich mal mein Zuhause haben werde. Mein physisches Altern zeigt natürlich Spuren, doch darüber habe ich mir ehrlich gesagt noch nie den Kopf zerbrochen. Haha. Ich muss jetzt da mal bei einem Gedanken von Kirsten anknüpfen – also, ich hatte immer schon große Brüste, die Körbchengröße ist mir egal, ich finde mich schön. Es gibt heute so tolle BH’s in allen Variationen – ich liebe es auch, mich manchmal richtig schön zu kleiden (wie ich es mir halt leisten kann), ich liebe Seide auf meiner Haut. Am PC sitze und arbeite ich, umschlungen von großen Tüchern in traumhaften Farben. Ich liebe mein Glas Wein und das phantastische Essen, das ich mir zubereite. Ich lasse auch in meinen Körper nur mehr das, was mir gut tut. Dafür muss man nicht viel Geld haben, das ist eine Sache des Bewusstseins und der Einteilung. Ein Resultat aus den Jahren, die ich zurückgelegt habe. Ja und natürlich liebe ich die Liebe! Das wird sich nicht ändern, bis ich ins Grab falle. Ich liebe das Leben, ich bin froh, dass ich bin – dass ich mir gestatte, so zu sein, wie ich bin. Dieser Herbst des Lebens ist für mich ein großes Fest der Freude. Auch wenn ich mich nach vielen äußerlichen Beschränkungen zu richten habe, auch wenn ich oft große Anstrengungen bewältigen muss und es bei Gott nicht einfach habe. Doch dazwischen setze ich meine „kleinen Feste“, die immer mehr zu einem ganz großen Fest verschmelzen. Ich komme wieder zurück zu dem Mädchen, das ich einmal war – zu seinen Gedanken, seiner ureigensten Veranlagung, zu all seinem Fühlen. All das musste in jungen Jahren oft anderen sogenannten Wichtigkeiten weichen, wurde unterdrückt, zurückgestellt. Jetzt gehe ich Schritt für Schritt wieder ganz zu mir selber. Und das ist das Geschenk des Alterns an mich. Und das kleine Lächeln, mit dem ich das alles begleite.
Das Einzige, worum es mir leid tut, ist die entschwindende Zeit. Ich möchte noch so Vieles tun und schaffen, Freude haben und Freude bereiten. Das spielt sich nicht mehr alles mit meiner Zeit hier. Nun, ich hoffe, dass ich sehr alt werde – steinalt. Und wenn mich dann mal der Tod fixiert, werde ich ihm sagen – ok, ich habe gelebt – komm her jetzt und lass dich umarmen!
Ich wünsche euch allen ein gutes, selbstbestimmtes, gelassenes Altern!
Esther
Re: Dummheit tolerieren?
von Kirsten am 30.03.2009 22:41Boah.... also, manche Sätze von Euch sind wie ein gutes Glas Wein...
Lieben Gruß
Kirsten (Die das obige Zitat von Hermann jetzt in Foren als Signatur-Spruch hat
)
Doch wenn ich vor der Dummheit die Augen verschlösse, wäre ich mit dafür verantwortlich, dass sie ins Kraut schießt.
Die wuchert nämlich schon beim Hingucken, aber was glaubt Ihr, wie die wuchert, wenn Ihr wegguckt (Hermann Prignitzer)
Re: Geschichten vom Strich
von Kirsten am 30.03.2009 20:41Silke war wieder da. Silke aus dem Ausstiegsprogramm. Ich hab schon mal von Silke erzählt. Silkes Freund sitzt wegen Zuhälterei und Vergewaltigung einer Minderjährigen. Die Vergewaltigung war eine Gruppentat von 4 Männern. Die Prozesse der Mittäter sind in den nächsten Tagen.
Silke kommt immer 15 Minuten zu früh zum Gesprächstermin. Heute hat sie ihren kleinen Hund dabei. Die Frauen wissen genau, dass ich Hunde mit ins Büro lasse, obwohl das ungern gesehen wird.
"Neee, mir gehts nicht so gut, Kirsten...gar nicht. Weisste, heute morgen war der Prozess von dem Kumpel von Meinem. Und ich war da, weil ich dachte, ich kann Meinen wenigstens mal sehen, der war ja eigentlich Zeuge und der nächste Besuchstermin ist erst Ostern. Und weisste was? Der Idiot hat alles gestanden! Deshalb musste meiner gar nicht aussagen. Da war ich ganz umsonst da. Hab ihn nicht mal gesehen. Ich hätt ihn so gern gesehen. Klar, wir hätten eh nicht reden können, aber ich hätt ihn wenigstens mal gesehen, weisste?"
Der Hund springt auf Silkes Schoß und leckt sanft die Tränen von ihrer Wange. Sie lächelt und streichelt den Hund.
"Weisste, wenn ich den nicht hätte, den Kleinen hier.... der merkt immer, wenn ich traurig bin. Dann macht er immer so Sachen bis ich Lachen muss (Silke lacht)... das macht der immer so. Ich hab ja auch keinen mehr. Gar keinen. Nur der Hund, der ist immer da."
Silkes kleiner Hund darf immer in mein Büro. Immer.
Doch wenn ich vor der Dummheit die Augen verschlösse, wäre ich mit dafür verantwortlich, dass sie ins Kraut schießt.
Die wuchert nämlich schon beim Hingucken, aber was glaubt Ihr, wie die wuchert, wenn Ihr wegguckt (Hermann Prignitzer)
Re: Dummheit tolerieren?
von Kirsten am 30.03.2009 19:23Ach wie schön :)
Hermann, der ist soooo gut, den werd ich öfter mal zitieren, wenn ich darf :)
Das wollte ich schon soooo oft ausdrücken und hatte nie die wirklich passenden Worte. Jetzt hab ich sie :) Danke :)
Lieben Gruß
Kirsten
Doch wenn ich vor der Dummheit die Augen verschlösse, wäre ich mit dafür verantwortlich, dass sie ins Kraut schießt.
Die wuchert nämlich schon beim Hingucken, aber was glaubt Ihr, wie die wuchert, wenn Ihr wegguckt (Hermann Prignitzer)
Esther
Gelöschter Benutzer
Re: Dummheit tolerieren?
von Esther am 30.03.2009 10:13Lieber Hermann,
du bringst die Dinge auf den Punkt, wie auch ich sie empfinde.
Dummheit (im Sinne von der - doch immer irgendwie eigenverantwortlichen - Entscheidung zu Begrenztheit des Geistes) ist nicht tolerierbar. Dafür ist diese Art von Dummheit zu gefährlich. Sie ist der Anfang für das Potential der Angst. Die Kombination Dummheit und Angst stellt für mich die Wurzel für all das dar, was wir so landläufig als "das Böse" bezeichnen, die größte Gefahr für den Frieden, für Humanität.
Dies mag vielleicht in großen Zusammenhängen gesehen sein - doch alles fängt mit einzelnen Teilen, mit einzelnen Menschen an. Im Kleinen wird der Boden für das Große bereitet.
Deshalb ist Dummheit für mich nicht tolerierbar und man sollte ihr entgegentreten - auch wenn es vielleicht als wenig sinnvoll erscheint, eben aufgrund dieser Dummheit. Aber mit der Nicht-Akzeptanz von kleiner Dummheit manifestiert sich das Bewusstsein gegen große Dummheit. Ich denke, dass jeder Einzelne gefordert ist, sich dagegen zu stellen (und sei es nur durch ein "Schätzelein", das die betroffene Person im günstigsten Fall vielleicht doch ein wenig anregt, über den Grund dafür nachzudenken).
Liebe Grüße,
Esther
Re: Dummheit tolerieren?
von Prignitzer43 am 30.03.2009 05:15Dummheit tolerieren? - Nee! Denn Dummheit, meine Erfahrung, kommt in aller, aller Regel mit Gefährlichkeit, mit oft mörderischer Gefährlichkeit daher. Verwechseln wir Dummheit nicht mit einem niedrigen Wissenspegel, einem nicht sonderlich ausgeprägten Bildungsgrad. Also wer nicht gelesen hat, was ich gelesen habe, wer sich nicht mit dem beschäftigt hat, womit ich mich beschäftigt habe, etc., etc.... der ist nicht von vornherein dumm, nur weil ihm ein gewisses Wissen fehlt, das mir eventuell nicht fehlt. Dumm wird er erst, wenn er über seinen Wissensgrad hinaus kein Wissen für nötig hält, und wer über seinen Horizont hinaus keinen weiter reichenderen für angebracht hält, ist auch gefährlich, denn er ist nicht mehr weit ab von dem schlimmen Wort aus schlimmer Zeit, das da "Intelligenzbestie" hieß und mit dem abqualifiziert bis umgebracht wurde, der einen weiter reichenderen Horizont als man selbst hatte. - Wenn ich Dummheit toleriere, kann ich mir auch gleich mein Grab schaufeln. Und mit Ironie ist der Dummheit nie beizukommen. Eher damit, dass man um sie einen Bogen schlägt. Aber schlage ich um sie einen Bogen, weil ich mir das eventuell leisten kann, helfe ich allenfalls mir. Muss ich in Kauf nehmen, dass sie stattdessen womöglich meinen Nachbarn oder meine Nachbarin erschlägt, womit ich nicht sehr sozial handle, nee, eher asozial.
Nein, Dummheit toleriere ich nie. Schon deshalb nicht, weil für mich Tolerantsein niemals bedeutet, wider bessere Einsicht etwas gehen oder stehen zu lassen. Schon die Frage 'Dummheit tolerieren?' ist für mich eine absurde Frage. Fragen kann mensch unter Umständen: 'Vor der Dummheit die Augen verschließen?'. - Na, ich nicht, solange noch Leben in mir ist. Und diese Hygiene bin ich mir schuldig. Dass ich nicht mit sauberer Weste abtrete, das weiß ich, hab' ich grad gestern jemandem geschrieben, aber schmuddeliger als sie ohnehin wurde und wird (wer hat keine Leichen im Keller?), muss sie auch nicht werden. Doch wenn ich vor der Dummheit die Augen verschlösse, wäre ich mit dafür verantwortlich, dass sie ins Kraut schießt. Die wuchert nämlich schon beim Hingucken, aber was glaubt Ihr, wie die wuchert, wenn Ihr wegguckt.
Und jetzt lege ich mich schlafen und grüße Euch alle von Herzen!
Re: Dummheit tolerieren?
von Kirsten am 29.03.2009 22:27
Lieber Hans :)
"Schätzelein" ist ja auch nur Stufe 1. Die Steigerung ist: "Kleines"
Das hab ich aber erst einmal benutzt.
Es gibt auch noch: "Mausi" und "Hasilein", aber soooo gemein war ich noch nie ...
Langsam könnte ich auch schon "Kindchen" benutzen in meinem Alter... hach, wieder ein Grund, warum älter werden cool ist *Jippie*
Ironie kann ich auch, aber die muss natürlich auch verstanden werden, um zu wirken. Das hätte in diesem Fall nicht hingehauen. 
Und das IST natürlich notwendige Psychohygiene - was auch sonst.
Ich bin ja nicht wirklich bösartig... höchstens ein bisschen
Lieben Gruß
Kirsten
Doch wenn ich vor der Dummheit die Augen verschlösse, wäre ich mit dafür verantwortlich, dass sie ins Kraut schießt.
Die wuchert nämlich schon beim Hingucken, aber was glaubt Ihr, wie die wuchert, wenn Ihr wegguckt (Hermann Prignitzer)
Re: Dummheit tolerieren?
von Hans am 29.03.2009 21:58
"Schätzelein" ist schon heftig, und ein sonniger Sonntag keine so ganz überzeugende Begründung dafür 


Vielleicht solltest du es als Akt notwendiger Psychohygiene verkaufen und zur Nachahmung empfehlen, mal die Autorität der Fachfrau einsetzen 
Ich mach mir immer mit Ironie Luft, das ist im Zweifelsfall auch nicht netter
))

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