Neueste Beiträge
Erste Seite | « | 1 ... 9 | 10 | 11 | 12 | 13 ... 20 | » | Letzte
Die Suche lieferte 194 Ergebnisse:
Dummheit tolerieren?
von Kirsten am 29.03.2009 21:05Hallöchen :)
Jaaaa, das ist wieder ne provokante Überschrift *g*
Grad passierte mir in einem Forum Folgendes: Eine eher einfach strukturierte Person bezeichnete meine Aussagen als "Blödsinn" und fragte, wie ein "normaler Mensch" so etwas schreiben kann, wie ich es getan hatte.
Ich weiß, dass die Frau dumm ist. Ich finde das eigentlich auch nicht schlimm und reagierte die letzen 100 Male, an denen sie mich ähnlich beleidigte, einfach mit einem milden Lächeln und Ignoranz.
Aber heute nicht. Heute ist Sonntag, die Sonne schien, ich hatte was besonders Kluges geschrieben und fühlte mich ernsthaft beleidigt. Passiert selten, aber kommt vor. Also habe ich in Kirsten-Manier zurückgeschlagen und sie in meiner betont sachlichen, erklärenden Antwort "Schätzelein" genannt.
Natürlich um Sie zu ärgern
Ich finde, ich darf sowas auch mal... ich bin ja auch nur ein Mensch.
Jetzt krieg ICH Mecker von der Moderatorin... ICH sei ja schließlich klug und selbstbewusst und stark und rhetorisch geschickt und hätte nicht "Schätzelein" schreiben dürfen. *umfall*
DIE TRULLA darf meine Aussagen "Blödsinn" schimpfen und meine "Normalität" anzweifeln (was ich natürlich eigentlich als Kompliment werte) und ich darf als Reaktion nicht "Schätzelein" zu ihr sagen? Weil ich klug bin und die doof? Boah...
Neee, das ist ungerecht. Dummheit entschuldigt wohl alles und die Klugen müssen sich alles bieten lassen?
Passt das eigentlich grad hier ins Thema? Na ja, ich musste es mal unter "Klugen" loswerden *g*
Lieben Gruß
Kirsten
Doch wenn ich vor der Dummheit die Augen verschlösse, wäre ich mit dafür verantwortlich, dass sie ins Kraut schießt.
Die wuchert nämlich schon beim Hingucken, aber was glaubt Ihr, wie die wuchert, wenn Ihr wegguckt (Hermann Prignitzer)
Re: Umpolung - Immer wieder ein Thema
von Kai am 28.03.2009 10:17Stimmt Hermann. Mir gelingt das auch an den meisten Tagen ganz gut, da juckt es mich auch nicht, was andere Menschen denken oder sagen. Dann gibt es aber auch wieder Zeiten, wo mich abwertende Äußerungen sehr treffen und auch verletzen, wo ich einfach keine Kraft habe mein Schutzschild auszufahren und derartige Bemerkungen oder Berichte über homophobes Verhalten abprallen zu lassen. Ich bin dann sehr traurig und kann und möchte dann wenig über solch dumme Äußerungen hören, möchte einfach in Ruhe gelassen werden. Was mir dann hilft ist, dass ich eine wahnsinnig tolle Familie und liebe Freunde haben, die mich wieder auffangen und denen ich meine Sorgen erzählen darf.
Es kommt eben immer auf meine eigene Verfassung an.
Re: Umpolung - Immer wieder ein Thema
von Prignitzer43 am 27.03.2009 20:27Und ich fand zu diesem Thema heute folgende dpa-Meldung, bei gmx abgefischt:
Therapeuten glauben noch an "Heilung" Homosexueller
London (dpa) - Einige britische Psychotherapeuten glauben noch immer, Homosexualität "heilen" zu können. Jeder sechste Therapeut hat Schwulen und Lesben schon einmal angeboten, sie zur Heterosexualität zu bekehren oder ihre homosexuellen Gefühle zu verringern.
In allen Fällen hatten die Patienten um Hilfe gebeten, weil sie mit dem sozialen Druck nicht klar kamen. Das ergab eine Studie mit mehr als 1400 Psychotherapeuten, die im britischen Fachmagazin "BMC Psychiatry" veröffentlicht ist. Die Forscher der Studie hatten erwartet, dass sich solche "Heilungsangebote" auf die Vergangenheit beschränkten. Sie fanden aber heraus, dass sich die 400 bis 500 registrierten Fälle gleichmäßig über die vergangenen Jahrzehnte verteilten.
Die Fälle seien nur die "Spitze des Eisbergs", sagte der Leiter der Studie, Michael King, Professor am University College London, der Zeitung "The Independent" am Donnerstag. King, der die Studie geleitet hat, bezeichnete das Ausmaß als besorgniserregend und erschütternd. "Der Himmel weiß, was genau sie da tun. Wir haben erst gar nicht versucht, sie zu fragen, weil es keinen Beweis gibt, dass irgendetwas funktioniert."
Vor allem junge Menschen würden sich an einen Psychiater wenden, nachdem sie im Internet von Schikanen gegen Homosexuelle, erhöhter Depression und "heilenden" Therapien gelesen haben, sagte King. "Wenn der Therapeut nicht weise genug ist, zu sagen, dass dies ein Teil von ihnen ist und daran nichts krankhaft ist, mag er verleitet davon sein, ihn zu ändern. Stattdessen sollte der Therapeut sagen, dass es sehr bedauerlich ist, dass sie tyrannisiert werden, und dass er helfen kann, mit der Lage zurecht zu kommen und sie zu meistern."
Tja, Anfang der 60er Jahre, ich geoutet, durfte ich mein Studium in einem Seminar der evangelischen Kirche nur fortsetzen, wenn ich mich durch eine psychotherapeutische Behandlung von meiner Homosexualität heilen ließe. - Ja, ja, da denkt mensch nun immer, Menschheit wäre inzwischen aufgeklärter. Aber da die Homphobie zur Zeit makabre Kreise zieht, wird eben wieder jeder alte Hut zu einem neuen. Irgendwie muss man die Schwulen doch kleinkriegen.
Na, wir werden diesen ewig Gestrigen eins husten, stimmt's Kai!
Umpolung - Immer wieder ein Thema
von Kai am 27.03.2009 13:10Hallo Ihr Lieben,
ich habe gerade den Newsletter vom Lsvd (Lesben und Schwulneverband in Deutschland www.lsvs.de) bekommen und bin mal wieder schockiert, dass es in der sogenannten "Fachwelt" noch immer so verblendete homophobe Menschen gibt.
Aber lest selbst:
Umpolungsseminare beim internationalen Kongress für Psychotherapie und Seelsorge
Universität und die Stadt Marburg sollen sich distanzieren
Auf dem „6. Internationalen Kongress für Psychotherapie und Seelsorge“ vom 20.-24.05.2009 in der Stadthalle und Universität von Marburg werden Referenten auftreten, die Homosexuelle zu Heterosexuellen „therapieren“ wollen. Dazu erklärt Manfred Bruns, Sprecher des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD):
Wir fordern die Universität und die Stadt Marburg auf, sich von den allen Angeboten und Seminaren zu distanzieren, die mit vermeintlich wissenschaftlichem Duktus homophobe und gefährliche Umpolungsangebote machen. Die Seminare tragen den Titel „Reifung in der Identität als Frau und als Mann“ und „Weibliche Identitätsentwicklung und mögliche Probleme“ und richten sich gegen homosexuelle Identitäten und Lebensweisen.
Der Veranstalter des Kongresses, die „Akademie für Psychotherapie und Seelsorge e.V.“ in Frankenberg, ist dafür bekannt, antihomosexuelle Angebote zu unterstützen. Auch die Referenten sind eindeutig der Evangelikalen Richtung homophober Hetze zuzuordnen: Markus Hoffmann von der Organisation „Wüstenstrom e.V“ und Christl Ruth Vonholdt vom „Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft“.
Die Bundesregierung hat zu diesen Organisationen festgestellt (Bundestags-Drucksache 16/8022 vom 12.02.2008): „Die vor allem in den 60er und 70er Jahren häufig angebotenen so genannten „Konversions“- oder „Reparations“-Therapien, die auf eine Änderung von gleichgeschlechtlichem Sexualverhalten oder der homosexuellen Orientierung abzielten, werden heute in der Fachwelt weitestgehend abgelehnt.“ Es ist unverantwortlich, wenn die die Universität und die Stadt Marburg solche Organisationen oder Gruppierungen unterstützen.
Der LSVD hat deshalb den Oberbürgermeister von Marburg, den Präsidenten der Philipps-Universität Marburg und den Dekan des Fachbereichs Psychiatrie aufgefordert, solche pseudowissenschaftlichen Angebote nicht zu unterstützen.
Entsetzte Grüße, Kai
Der gesunde Menschenverstand
von Prignitzer43 am 25.03.2009 03:06Bundespräsident Horst Köhler hat beim Staatsakt für die Opfer des Amoklaufs vom 11. März 2009 im baden-württembergischen Winnenden schärfere Bestimmungen für gewaltverherrlichende Killerspiele gefordert: "Sagt uns nicht der gesunde Menschenverstand, dass ein Dauerkonsum solcher Produkte schadet?"
Tja, der sogenannte gesunde Menschenverstand, des sogenannten gesunden Volksempfindens Verwandter ersten Grades und jedes deutsches Stammtischs Thema Nummer... na gleich hinter Thema Nr.1, also hinter dem mit den Weibern; das rangiert wohl noch vorneweg, jedenfalls wenn's nicht grad ein gemischter Stammtisch ist, sondern noch einer, wie es sich gehört: Mutter sieht zu Hause die neuste Folge der Wiederholung von "Verbotene Liebe" an, und Vater säuft sich inzwischen im Krug "Zur Deutschen Eiche" den Appetit auf ebendiese Liebe aus dem Kopf und unter den Tisch, und wenn dem genüge getan ist, dann ist der gesunde Menschenverstand dran und was der einem alles so s a g t, und w a s der einem alles so sagt, also nicht mir, aber denen, die ihn abgeblich haben und weil sie ihn angeblich haben, auch auf ihn schwören... na ja, ich weiß nicht, wann Herr Bundespräsident das letzte Mal in ein Geschichtsbuch geguckt hat, aber lang, lang muss es her sein, sonst wüsste er zumindest in etwa einzuschätzen, dass die Wirkung von Killerspielen, wenn die denn überhaupt was bewirken, nix ist gegen die mörderische Wirkung des sogenannten gesunden Menschenverstandes, denn auf dessen Einflüsterungen hin ist mensch schon vielmals losgezogen, ganze Völker abzumurksen. Und nicht etwa im Amoklauf - 'Herr, vergib ihnen, denn sie wussten nicht, was sie taten ' -, sondern in der festen Überzeugung, dass der "gesunde Menschenverstand" einem gesagt hat, wer auf dieser Erde ein Recht zu leben hat, und wer nicht.
Re: Geschichten vom Strich
von Kirsten am 21.03.2009 12:12Tiefdunkle Nacht, ich dreh mit einer Praktikantin mal noch ne Runde draußen und wir gehen auch die Sicherheitsboxen mal ab, um nach dem Rechten zu sehen. Eine laue Sommernacht, fast alle Boxen sind belegt. Natürlich sind wir diskret, schauen nur kurz aus dem Augenwinkel, ob uns etwas Ungewöhnliches auffällt. Wir sind leise, lassen die Taschenlampe aus, um niemanden zu stören. Da steht doch tatsächlich ein hutzeliges Kerlchen in einer Box, glotzt durch ein Loch in der Holzwand in die Nachbarbox und holt sich grade lustig einen runter. Solche Spanner sind ganz schlecht. Die Freier mögen das nicht, haben Angst, heimlich gefilmt zu werden, erpresst zu werden ect. Wenn die Freier die Boxen meiden, wird es gefährlich für die frauen, denn die Alternative zu den Boxen ist das Industriegebiet, weitläufig, dunkel und sehr einsam. Also mögen wir keine Spanner. Sie schaden dem Strich und damit den Frauen.
Taschenlampe an, mitten ins Gesicht vom Hutzelmännchen, Handy wählbereit in der anderen Hand, verwandle ich mich in eine uneinnehmbare Festung: Psycho-Kirsten, die Rächerin der gestörten Huren! Feste, laute Stimme dröhnt aus meinem zarten Munde:
"Guten Abend, junger Mann. Schröder mein Name, Stadt Dortmund. Darf ich mal fragen, was sie da gerade tun?"
"Wer? Ich?" fragt er zurück und fummelt sein Ding wieder in die Hose.
"Ja, sie. Ihre Papiere bitte!"
"Wer, ich?"
"Drücke ich mich sehr undeutlich aus? Ich möchte jetzt ihren Personalausweise sehen. Jetzt sofort!" (Die Praktikantin in meinem Rücken kichert leise. Ich hoffe, dass Hutzelmännchen das nicht hört)
"ich habe nichts gemacht, nur Pipi... " Sehr kleines Piepsstimmchen und er gibt mir tatsächlich seinen Personalausweis. Ab jetzt fühle ich mich sicher. Jetzt wird er mir nichts mehr tun. Ich stecke seinen Ausweis in meine Tasche.
"Aha, nur Pipi? Wo denn? Ich sehe kein Pipi. Ich habe aber etwas anderes gesehen. Ich werde jetzt die Kollegen von der Polizei rufen, sie warten hier."
Oh jeh, mit der folgenden Reaktion habe ich nicht gerechnet.
"Polizei? Neeeiiin, biiiiieeeette biiieeette keine Polizei, ich habe nichts getan, biiiieeete, biiieeette!" Der Mann fällt tasächlich vor mir auf die Knie und Tränen laufen über sein Gesicht.
Ach du Scheiße. Was habe ich getan? Der arme Kerl hat nen Nervenzusammenbruch vor Angst und Panik.
Meine Stimmung schlägt sofort um.
"Warum machen Sie denn sowas, Mensch? Die Frauen finden das nicht lustig. Wenn Sie Sex wollen, dann gehen sie doch selbst zu einer der Frauen. Oder wollen Sie dafür kein Geld ausgeben?"
"Doch, doch, ich will ja, ich will ja... aber ich habe Angst, Angst Frau anzusprechen... ich weiß doch nicht, ich will doch nichts böses...." stottert er.
Okay, alles klar. ich drücke ihm seinen Ausweis wieder in die Hand und ein Taschentuch für die Tränen.
"Sie wollen Sex, aber trauen sich nicht, eine der Frauen anzusprechen? Deshalb spannen sie hier in der Box?"
Kleinlaut, schluchzend: "ja."
"Haben Sie denn Geld dabei?"
"Ja." (fragender Unterton)
"Okay, folgen sie mir."
Ich geh mit ihm im Schlepptau einmal quer über die Straße. Da steht Hannelore. Gelernte Friseurin, seit 40 Jahren Prostituierte mit perfekter Dauerwelle. Mutti-Typ, sehr erfahren. "Hi, Hannelore. Guck mal, dieser Freier hier. Hat Angst vor Frauen und spannt deswegen. Hab ihn grad erwischt. Er sagt, er hat Geld dabei aber traut sich nicht, ne Frau anzusprechen. Darf ich den mal bei dir hier abladen?" (Ich zwinkere ihr zu)
"na aber sischer datt.... komm ma her, Jungchen, datt kriegen wir schon hin. Biss ja ganz von Rolle, wa? War se sehr böse zu dir, die Kirsten? Die kann abba auch biestig sein, ich weiß datt. Komm her, ich bin die Hannelore. Wie heißt du denn?....."
Ich habe eine sexuelle Dienstleistung vermittelt. Dafür kann ich richtig einen dran kriegen.
Aber ist nur ne erfundene Geschichte. ;) Wenn sie wahr wäre, wäre ich ja schön blöde, sie zu veröffentlichen und meinen Job und eine Anzeige zu riskieren.
Feierabend.
Doch wenn ich vor der Dummheit die Augen verschlösse, wäre ich mit dafür verantwortlich, dass sie ins Kraut schießt.
Die wuchert nämlich schon beim Hingucken, aber was glaubt Ihr, wie die wuchert, wenn Ihr wegguckt (Hermann Prignitzer)
Re: Geschichten vom Strich
von Kirsten am 21.03.2009 11:22Schwingenden Schrittes , ein bisschen raubtierartig, kommt Heidi angeschlendert. Heidi ist irgendwas zwischen 40 und 50 und seitJ ahrzehnten als Psychotikerin diagnostiziert. Ihr Leben teilt sich in Abschnitte innerhalb und außerhalb der Psychiatrie. Jetzt ist mal wieder draußen dran und draußen ist ihr Hobby der Straßenstrich.
"Heeey! Heid! Altes Haus, welch Glanz in unserer alten Hütte!" Breites Grinsen: "Hey, Psycho, wie gehts wie stehts?"
"Alles wie immer, kennste ja, und selbst?"
"Ja, geht so, ne... die Pillen lass ich grad mal weg, die Stimmen werden zwar doller, aber egal. Kennst mich ja, komm ich mit klar" Sie zwinkert mir zu. Wir kennen uns, ja. Dieser joviale Umgangton ist der einzige, der mich Kontakt zu Heidi aufnehmen lässt. Als "Psycho" gehöre ich in Heidis Welt eigentlich in die große Gruppe der machtvollen, bösartigen Psychiater und Psychologen, aber sie gesteht mir eine besondere Rolle zu, weil ich ihre "Strich-Psycho" bin. Glück gehabt. Die anderen Kollegen werden auch schon mal mit Waffen von ihr angegriffen... Heidi trägt viel Wut mit sich herum.
"Na, will ma gucken ob ich hier heute was zu laufen kriege. hab grad schon einen echten Schnuckel gesehen, son Anzugfuzzi, weißte?" Zwinkert wieder. "Gib mal nen schnellen Kaffee, aber im Pappbecher, ich trink den draußen... nicht, dass mir der Jüngling noch verloren geht" Zwinker. Ich gebe ihr Kaffee und ein paar Kondome. "Bis später mal Psycho!" tänzelt sie wieder raus. Ich rufe ihr noch nach: "Pass auf Dich auf, Schätzchen!"
Heidi ist keine Prostituierte, Heidi will möglichst viel Sex mit möglichst vielen verschiedenen Männern in möglichst kurzer Zeit. Wenn sie ganz gut drauf ist, bezahlt sie auch schon mal den Mann anschließend. (Der dann ausgesprochen verwirrt ist, was mich immer sehr belustigt). Heidi mag ich sehr.
Doch wenn ich vor der Dummheit die Augen verschlösse, wäre ich mit dafür verantwortlich, dass sie ins Kraut schießt.
Die wuchert nämlich schon beim Hingucken, aber was glaubt Ihr, wie die wuchert, wenn Ihr wegguckt (Hermann Prignitzer)
Esther
Gelöschter Benutzer
Re: Geschichten vom Strich
von Esther am 21.03.2009 10:58Liebe Kirsten,
deine Geschichten vom Strich sind wirklich eine Bereicherung für dieses Forum. Sie gewähren Einblicke in eine andere Welt, von der man zwar weiß, über deren wirkliche Dimension aber man doch kaum etwas sagen kann, da man sich im Normalfall ja nicht kontinuierlich damit beschäftigt. Deshalb ist es eine wunderbare Idee, uns regelmässig ein Thema dazu näher zu bringen.
Dir persönlich möcht ich sagen: Ich habe ganz große Achtung vor deiner Arbeit! Und davor, wie du sie über lange Zeit bewältigst und reflektierst, ohne abzustumpfen. Denn ich glaube, es ist eine große Gefahr, nicht selber unempfindlich zu werden, auch nach längerem Kennen sich immer noch auf die Geschehnisse emotional einzulassen, immer auch noch die leisen Töne zu hören.
Ich wünsche dir, dass du dein Gemüt und dein grosses Herz nie verlierst.
Alles Liebe,
Esther
Re: Geschichten vom Strich
von Kirsten am 21.03.2009 10:54Lieber Kai :)
Haben wir mal wieder gleichzeitig gepostet... das kommt bei uns ja öfter vor ;)
Ja, ich denke, wir werden weiter finanziert. Aber eben deshalb, weil wir gut aufpassen, was wir wann wo wie sagen. Die ganz hohe Kunst der Diplomatie ist gefragt. Immerhin, wir kriegen wohl tatsächlich bald einen neuen Container und vielleicht kriegen wir tatsächlich etwas Geld für Dolmetscher. Es sieht also eher gut aus. Nur auch dafür haben wir oft die Klappe gehalten oder eben in anderen Momenten aufgemacht.
Und diese Zerrissenheit geht auch schnell auf jede einzelne von uns über. Ich bin manchmal so böse und würde die Frauen aus Bulgarien gerne wegschicken können. Voll Ausländerfeindlich kann ich sein. Einige Frauen würde ich am liebsten gegen ihren Willen erstmal in eine Einrichtung unterbringen, ihnen ihr Geld verwalten, sie "entmündigen". Manch eine würde ich gerne anzeigen bei der Polizei und sie unter Druck dazu bringen, auszupacken, um Hintermänner des organisierten Verbrechens dingfest zu machen. Und dann gibts wieder Momente, da würde ich eine Frau am liebsten einpacken, mit nach Hause nehmen, ihr ein Bad einlassen und das Gästesofa beziehen und ein warmes Essen machen....
Na ja, das mach ich alles nicht und ich krieg mich wieder ein. Bin ja Profi ;) Lösungen gehen anders.
Lieben Gruß
Kirsten
Doch wenn ich vor der Dummheit die Augen verschlösse, wäre ich mit dafür verantwortlich, dass sie ins Kraut schießt.
Die wuchert nämlich schon beim Hingucken, aber was glaubt Ihr, wie die wuchert, wenn Ihr wegguckt (Hermann Prignitzer)
Re: Geschichten vom Strich
von Kirsten am 21.03.2009 10:37Liebe Bettina :)
Danke :) Du hast das sehr schön geschrieben. Ich hatte gehofft, dass die Geschichten so aufgenommen werden :)
Diese realen Geschichten will niemand veröffentlicht wissen. Die Politik, Frauengruppen und diverse Hilfsorganisationen wollen Prostituierte ausschließlich als Opfer sehen, was sie dazu bringt, die Prostitution an sich zu bekämpfen und abschaffen zu wollen. Dass es Frauen gibt, die sich ganz bewusst für diesen Beruf entscheiden und die womöglich nicht mehr darunter leiden, als eine Bäckerin, die lieber lange ausschlafen möchte, das will dort (fast) niemand hören.
Die Hurenselbsthilfeorganisationen beharren darauf, dass es ausschließlich selbstbewusste und selbstbestimmte Prostituierte gibt. Alle anderen sind seltene Ausnahmeerscheinungen und eigentlich keine echten Huren.
Zwischen diesen Stühlen sitzt man, wenn man mit Straßenprostituierten arbeitet. Wir kennen beide Seiten und haben wesentlich mehr Frauen, die dort aus Not arbeiten und viel lieber etwas anderes machen würden, als selbstbestimmte, selbstbewusste Frauen, aber die haben wir eben auch. Also immer, wenn wir den Mund aufmachen, bringen wir eigentlich alle Seiten gegen uns auf.
Und was passiert beim braven Durchschnittsbürger, wenn er meine Geschichten liest? Er wird eine schnelle Lösung suchen und sie in der Idee finden, Prostitution abzuschaffen, zu reglementieren, strengere Strafen zu fordern, womöglich die EU-Erweiterung zurücknehmen zu wollen, usw. Das würde dazu führen, dass die Frauen weiterhin ausgenommen werden, nur dann viel mehr im Verborgenen, im Kriminellen, und niemand hätte mehr so einen Zugang in die Szene wie wir jetzt.
Hier ist es klein und fein, Bettina, hier sucht niemand die schnellen Lösungen, deshalb traue ich mich hier, diese Geschichten zu erzählen.
Ich hätte Angst davor, was passiert, wenn die Masse da draußen diese beinahe unerträgliche Realität erkennen würde.
Lieben Gruß
Kirsten
Doch wenn ich vor der Dummheit die Augen verschlösse, wäre ich mit dafür verantwortlich, dass sie ins Kraut schießt.
Die wuchert nämlich schon beim Hingucken, aber was glaubt Ihr, wie die wuchert, wenn Ihr wegguckt (Hermann Prignitzer)

Antworten