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Re: Geschichten vom Strich
von Kirsten am 20.03.2009 17:56Freitag Mittag im Container. Es sind nur zwei Frauen drin. Das ist eine Seltenheit, oft halten sich um die 20 Frauen in dem kleinen, aber gemütlichen Aufenthaltsraum auf. Draußen scheint die Sonne, heute ist Frühlingsanfang.
Die 19jährige, hübsche Romy schaut auf ihr Handy und beginnt zu Reden, ohne aufzusehen.
"Meine Mama gestern fünfzig Jahre. Ich telefon, aber teuer." Erst jetzt sieht sie auf. Ich schaue sie an. "Deine Mutter hatte gestern Geburtstag? 50 Jahre?" Romy lächelt erleichtert, ich habe sie verstanden. "Ja, gestern viel Alkohol, Papa viel, immer viel Alkohol Papa, Mama gestern auch, weil feiert. Ganzes Familie da und feiern, viel Alkohol."
"Oh, immer viel Alkohol ist schlecht. Du konntest nicht dabei sein? Die ganze Familie hat gefeiert, großes Fest und ohne Dich?" Sie lächelt breit, ich habe wieder verstanden, was sie sagen wollte.
"Ich telefonieren meine Mutter" sagt sie und beginnt zu wählen. Ich schaue aus dem Fenster. Sie redet laut und schnell, typisch Südländer, denk ich... ich verstehe nur zwei Worte. "Mama" und "Cafe`". Laut und kurz ist das Gespräch, sie klingt fröhlich, aufgekratzt, lebendig. Dann ist Stille. Telefonat beendet. Ich schaue sie aus dem Augenwinkel an und sehe eine Träne ihre Wange herablaufen. "Romy, bist du traurig?" Ich bin überrascht, klang sie doch eben noch so fröhlich beim Telefonat. "Ja, traurig, sehr" Kurze Pause. Dann sprudelt es aus ihr heraus: "Weißt du, ich immer meine Mama sehen, zuhause 2 Monat, 3 Monat, aber jetzt 5 Monat keine Mama und noch 4 Monat warten. Ich kleine Hund zuhause. Zuhause immer kleine Hund gehen und ich liebe dieses Hund. Und meine Mama immer Essen und Kaffee trinken und reden, reden... immer ich mit Mama. Mama will, ich bleiben in Bulgaria, ich nicht soll Deutschland, aber Geld wichtig. Papa kein Geld, nur Alkohol, immer immer... ich Geld für Zuhause, für Mama brauchen Geld."
Ich frage: "Romy, weiß deine Mutter, welche Arbeit du hier machst?" "Nein! Ich sagen andere Job, putzen Haus für reiche Familie. Weißt du, einmal meine Mama treffen eine Mädchen aus andere Dorf die ist Prostituierte. Meine Mama diese Frau schimpfen und sagen, du machen deine Mama gebrochen Herz! Siehst du, ich kann nicht sagen meine Mama diese Job, sie gebrochen Herz, ich schuld. Niemals ich kann sagen meine Mama."
Romy trinkt ihren Kaffee aus und geht. "Tschüss!" ruft sie lachend. Das Wort "Tschüss" finden sie alle lustig.
Doch wenn ich vor der Dummheit die Augen verschlösse, wäre ich mit dafür verantwortlich, dass sie ins Kraut schießt.
Die wuchert nämlich schon beim Hingucken, aber was glaubt Ihr, wie die wuchert, wenn Ihr wegguckt (Hermann Prignitzer)
Geschichten vom Strich
von Kirsten am 20.03.2009 15:42Hallo liebe LeserInnen :)
Spontane Ideen sind ja oft nicht die Schlechtesten und deshalb eröffne ich hier ganz spontan und unreflektiert eine Kolumne über meine Erlebnisse als Psychologin einer Beratungsstelle auf dem Straßenstrich.
Ich sitze gerade im Büro, Freitag Nachmittag, also ganz alleine... mal wieder ist eine Klientin nicht zum Gesprächstermin erschienen, die Wichtigkeiten sind erledigt und die Dringlichkeiten abgehakt. So habe ich Zeit, solche Ideen umzusetzen.
Ist es Wichtigtuerei, Psychohygiene, Extrovertiertheit, Geltungsdrang oder einfach Lust, etwas von dieser geheimnisumwobenen Welt in die Öffentlichkeit zu tragen oder was treibt mich? Ich weiß es nicht und es ist mir grad egal....
Selbstverständlich sind aus Datenschutzgründen Namen und Details verändert, aber die Geschichten beruhen immer auf Tatsachen.
Lieben Gruß
Kirsten
Doch wenn ich vor der Dummheit die Augen verschlösse, wäre ich mit dafür verantwortlich, dass sie ins Kraut schießt.
Die wuchert nämlich schon beim Hingucken, aber was glaubt Ihr, wie die wuchert, wenn Ihr wegguckt (Hermann Prignitzer)
Re: Toleranz - vielleicht ein Spiegel
von Kirsten am 20.03.2009 15:02Cool, Hans!
Das gefällt mir, macht wieder ein bisschen mehr Luft und Ordnung in meine Gedanken. Klasse!
Zu deinem Punkt 1 fällt mir spontan noch was ein: Empathie. Das heißt, möglichst gut zu kapieren, wie das Thema/das Problem sich für den Anderen anfühlt, wie es durch seine Augen aussieht. Das können wir nicht wirklich, wir können es nur versuchen. Wir schleppen ja immer unsere eigenen Werte, Normen, Einstellungen mit uns herum und das ist auch gut so...aber es hilft, zu versuchen, das alles mal außen vor zu lassen und durch fremde Augen zu sehen. Nicht, um sich brav an die Meinung des Anderen anzupassen, sondern nur, um ein bisschen nachzuvollziehen, warum es für ihn so und nicht anders ist. Wenn ich dann das "Bild" des Anderen und meines übereinander lege (oder besser nebeneinander), dann habe ich schon mal zwei von unendlich vielen möglichen Bildern derselben Sache. Das ist vielleicht ein Schritt in die Richtung "Toleranz".
Lieben Gruß
Kirsten
Doch wenn ich vor der Dummheit die Augen verschlösse, wäre ich mit dafür verantwortlich, dass sie ins Kraut schießt.
Die wuchert nämlich schon beim Hingucken, aber was glaubt Ihr, wie die wuchert, wenn Ihr wegguckt (Hermann Prignitzer)
Re: Toleranz - vielleicht ein Spiegel
von Hans am 20.03.2009 13:21Hast wieder tief geschürft, Esther, Kompliment
Ja, die Sache mit dem Spiegel
In der härtesten Variante der Eulenspiegel, der die Grenzen unserer Toleranz gar schmerzhaft testen kann und uns zwingt, sie von Gleichgültigkeit zu unterscheiden. Projektion ist in diesem Zusammenhang auch ein gehaltvoller Begriff.
Toleranz ohne eigenen Standpunkt ist Beliebigkeit, scheinbar bequem für alle Beteiligten, aber aus meiner Sicht Missachtung der Mitmenschen und der eigenen Person. Der Begriff gewinnt für mich an Schärfe, wenn ich ihn ins Spannungsfeld von Feigheit und Selbsterkenntnis setze. Dann fällt es mir leichter zu entscheiden, ob ich in einem konkreten Fall tolerant sein sollte.
Die Formulierung "sein sollte" weist darauf hin, dass es sich um ein ethisches Problem handelt: Was sollen wir tun, wie sollen wir uns verhalten, wie wäre es richtig? Die populärste Unterscheidung ist wohl die von Gesinnungsethik und Verantwortungsethik, wobei ich mich nie wirklich für eine Variante entscheiden konnte.
Um es für mich handhabbar zu machen, probiere ich es einfach so:
1. Den Menschen (oder das Problem) so gut wie mir möglich verstehen.
2. So gut ich kann rausfinden, warum ich darauf in einer bestimmten Weise reagiere (oder es überhaupt bemerke).
3. Entscheiden, ob das Problem objektiv besteht oder ob ich nur grade mal wieder blöd bin.
4. Besteht es objektiv, Kosten und Nutzen möglicher eigener Reaktionen abwägen: Das ist letztlich kein rationaler Vorgang, sondern eine Bauchentscheidung. Ist es mir die Zeit wert? Was will ich bewirken? Macht es Spaß, oder ist es aus meiner Sicht einfach nur notwendig? Diese Liste der möglichen Fragen ist *nicht* vollständig 
5. Nicht vergessen, dass ich mein Urteil revidieren können muss...
Ist vielleicht nicht optimal, aber für mich einleuchtender als der Versuch, die Welt einzuparfümieren 

Re: Obdachlose
von Kirsten am 20.03.2009 10:23Hallöchen :)
Ich will nur eben sagen: Ich denke oft an deine Geschichte. Vorgestern Nacht hatte ich Dienst im Beratungscontainer auf dem Straßenstrich. Da saß ich mitten unter etwa 20 Frauen vom Strich, von 18 bis 60 Jahre alt, und hatte immer im Kopf: "Lauter kleine Grandezzas" ...
Ich weiß gar nicht, was genau Grandezza bedeutet. Aber als eine Frau im fleckig-speckigen Grobstrickpulli mit einer Jeans, deren Ursprungsfarbe nur noch zu erahnen ist, mit ungepflegten Haaren und pechschwarzen Fingernägeln, von der ich weiß, dass sie alle denkbarenb sexuellen Dienstleistungen ohne Kondom anbietet..... mir einen Löffel mit spitzen Fingern reichte, weil trotz Spülmaschine ein Fleckchen daran haftete.... mit einem leisen Kopfschütteln, angeekeltem Gesicht und der Aussage: "Ts,ts,ts"..... da ahnte ich, was es bedeuten könnte.
Lauter kleine, verwunschene, liebenswerte Prinzessinnen. Man muss nur genau hinsehen....
Lieben Gruß
Kirsten
Doch wenn ich vor der Dummheit die Augen verschlösse, wäre ich mit dafür verantwortlich, dass sie ins Kraut schießt.
Die wuchert nämlich schon beim Hingucken, aber was glaubt Ihr, wie die wuchert, wenn Ihr wegguckt (Hermann Prignitzer)
Re: Gedanken in einer schlaflosen Nacht...
von Kirsten am 20.03.2009 09:59Hallöchen :)
Das gefällt mir! 
Zuerst hab ich gedacht: "Oh, "Schrei der Seele", das ist nix für mich, zu pathetisch, da bin ich allergisch druff"... aber die Idee, diesem Schreihals einfach den Mund zu verbieten und ihn hinaus zu komplimentieren, DAS ist allerdings ein Bild, das mir gut gefällt :)
Lieben Gruß und ruhige Nächte ;)
Kirsten
Doch wenn ich vor der Dummheit die Augen verschlösse, wäre ich mit dafür verantwortlich, dass sie ins Kraut schießt.
Die wuchert nämlich schon beim Hingucken, aber was glaubt Ihr, wie die wuchert, wenn Ihr wegguckt (Hermann Prignitzer)
Zartbitter
Gelöschter Benutzer
Gedanken in einer schlaflosen Nacht...
von Zartbitter am 19.03.2009 15:30Das kennt Ihr doch bestimmt auch...?
Ich bin hundemüde, gehe ins Bett, drehe und wälze mich ein paarmal und bin wieder hellwach.
Meistens setze ich mich an den PC und lasse meinen Gedanken freien Lauf - erstaunlich, was manchmal so kommt:
Schrei meiner Seele. Ich höre dich fern
Du willst zu mir dringen, du willst es so gern.
Ich will dich nicht hören, nicht `nen einzigen Ton
Dein Schmerz ist so bitter, ich kenne ihn schon.
Du wohnst hier seit kurzem, `ne Weile erst her
Als ich dich einst hörte, fand`s da schon nicht fair
Du lässt dich hier nieder, nutzt Weite und Raum
In meinen Gedanken und auch noch im Traum.
Vor dir war hier Einklang und Harmonie
Nun zerstörst du die Töne der Sinfonie
Erkühnst dich gar so erbärmlich zu schreien
Und ich soll`s ertragen? Nunmehr, ich sage nein.
Ich will dir nicht folgen auf deinem Höllengang
Werd dich verbannen, du machst mich nicht krank
Dämon nun lauf und schleich dich davon
So wie du gekommen – mit leisem Ton.
@Marion Nordmeyer, 17.03.09, 23.30 Uhr
Und danach ist es gut, dann gehe ich wieder ins Bett und kann schlafen.....
Esther
Gelöschter Benutzer
Re: DIE DRITTE TÜR ZUM OSTEN - Ich bewege mich mit meinen Gedanken und Geschichten gerne an den Rändern der breiten Straßen. Mit diese
von Esther am 18.03.2009 10:48Liebe Bettina,
ja, ok - ich halte mich da künftig auch heraus aus der Diskussion. Es sei denn, es stellt mir Jemand eine ganz konkrete Frage. Es ist ja nur recht und billig, dass Jeder seine ganz eigene Sichtweise zu Geschehnissen oder Erzählungen hat und im Prinzip ist das ja der Sinn eines literarischen Produktes, die Gedanken anzuregen, egal, in welche Richtung. Ich habe erstmal nur geanwortet auf deine Frage und hatte dann eben Eindruck, ich solle noch ein wenig erklärend einsteigen. Und dabei hat mich eben ein wenig irritiert, dass dieser angesprochenen Szene eine irgendwie negative Mann/Frau-Bedeutung angehaftet wurde, eine fehlende Harmonie. Für mich war sie eine logische Schlussfolgerung nach Henrys Erlebtem. Und - meine letzte Anmerkung: Muss es denn immer so überaus harmonisch zugehen beim Sex, damit er gut sein kann? Ich als Henrys Frau hätte es wahrscheinlich durchaus genossen, wenn er mir so begehrend und kraftvoll und auch mal dominierend entgegenkommt - ich hätte nicht gefragt, weshalb. Aber so verschieden sind eben die Sichtweisen (selbst unter Frauen) und so sollen sie auch bleiben!
In diesem Sinne grüße ich ganz herzlich,
Esther
Re: DIE DRITTE TÜR ZUM OSTEN - Ich bewege mich mit meinen Gedanken und Geschichten gerne an den Rändern der breiten Straßen. Mit diese
von Bettina am 17.03.2009 19:35Liebe Esther,
in meinem Kommentar vom 15.3. habe ich lediglich angemerkt, worauf ich beim Lesen dieser Geschichte gekommen bin. Den zentralen Aspekt: Protagonist der Erzählung begreift, Sexualität kann vielfältiger sein als von ihm bisher erkannt und gelebt, wollte ich nicht in Frage stellen. Das bedarf auch nun wirklich nicht noch einer Extra-Erklärung, liegt ja deutlich auf der Hand.
In diesem Punkt sind wir uns übrigens völlig einig, Esther, auch ich bin überzeugt davon, dass wir alle ambivalente Züge in uns haben. Was davon zum Tragen kommt, hängt von vielen Einflüssen ab. Von Natur aus sind wir bestimmt nicht so eingleisig auf das andere Geschlecht fixiert, wie viele glauben.
Und was nun die Erzählung betrifft, habe ich einfach versucht, Deinen Henry so genau unter die Lupe zu nehmen, wie es anhand Deiner Beschreibung möglich ist. Was ist das für ein Mensch? Er hat ja schließlich nicht nur sein Aha-Erlebnis, sondern kommt irgendwo her und geht irgendwo hin. Zwei Mal in der Geschichte beschreibst Du diesen Henry in Bezug auf eine Frau. Am Anfang steht diese Flirt-Geschichte (aus der ich etwas über diesen Mann ableite), am Ende sein Umgang mit seiner eigenen Frau (woraus ich natürlich auch etwas ableite). Es ist erstaunlich, dass ich genau diese Szene einzuordnen versuche, sagst Du? Sie sei "nur ein Mosaiksteinchen der ganzen Geschichte"? Von jedem Mosaiksteinchen erwarte ich eine Bedeutung für die Geschichte als Ganzes. Und irgendwo "hinpolen" will ich sie schon gar nicht, ich halte mich an das, was in den Zeilen steht.
Liebe Sigrid,
danke für Deine "harmonische Variante". Da hast Du schon genau erspürt, was mir Bauchschmerzen bereitet.
Aber es ist Esthers Geschichte, die sie eben so erzählt hat, wie sie sie erzählt hat. An Änderungsvorschläge hatte ich nicht gedacht. Dieser Henry wäre in Deiner Variante ein anderer Mensch, ein mir eher zugänglicher Mensch. Da aber Esther sich missverstanden fühlt, wenn ich mich mit ihrem Protagonisten in Bezug auf das andere Geschlecht auseinandersetze, halte ich es für besser, das hier nicht weiter zu diskutieren.
Ich glaube auch, das wäre ein grundsätzlicheres Thema (was erwarten wir von einer Partnerschaft; wie steht es um die Ehrlichkeit gegenüber Partner oder Partnerin; sollten wir vielleicht die Begriffe Sexualität und Liebe nicht einfach gleichsetzen u.s.w.). Hier fällt mir so manches ein, was aber nicht unter diese Geschichte, sondern in ein Extra-Thema gehörte.
Vielleicht kommen wir ja da mal hin, könnte interessant werden.
Herzliche Grüße, Bettina.
Esther
Gelöschter Benutzer
Obdachlose
von Esther am 17.03.2009 17:30Liebe Community,
ich hoffe, es stört euch nicht, wenn ich öfters mal einen Beitrag in literarischer Form reinstelle. Es ist eben "meine" Ausdrucksweise, mit der ich das Leben beschreibe.
Das Gedicht "la principessa unter den treppen" schrieb ich vor drei oder vier Jahren. Es basiert auf realem Geschehen in der Zeit vor 15 bis 20 Jahren in München. Ich arbeitete beim Bayerischen Rundfunk und musste täglich den kurzen Weg vom Hauptbahnhof bis dorthin zurücklegen. Auf dem Weg liegt eine Fussgängerunterführung. In dieser Fussgängerunterführung sah ich fast täglich (vorwiegend im Winter) die Frau sitzen, die ich als "principessa unter den treppen" beschreibe. Sie hat mich damals schon berührt und offensichtlich so stark, dass ich nach den vielen Jahren dieses Gedicht schrieb.
Alle Obdachlosen sind in einer menschenunwürdigen Situation. Und es gibt besondere Obdachlose, wie diese Frau, über deren Grund ihrer Obdachlosigkeit ich immer wieder mal grübelte. Sie machte den Eindruck einer hochintelligenten Frau, völlig heruntergekommen, doch in ihrer Heruntergekommenheit noch voller Eleganz und Gelassenheit - eben Grandezza. Sie war immer allein dort unten. Sie war keine, die man einfach so ansprach - und hätte ich es getan, was hätte es bewirkt? Heute weiß ich, sie suchte das gar nicht. Und trotzdem mache ich mir, wenn ich jetzt über sie spreche, immer noch Gedanken um ihr Leben und um ihren Abstieg - und darum, ob es für sie überhaupt ein Abstieg war.
la principessa unter den treppen
wenn die nächte kühler werden an der isar
findet sie zurück in ihr winter heim
einen schacht
den die menschen hinunter und hinauf be gehen
um den fahrzeugen zu ent gehen
auf dem dach des schachtes
sie hat ein bett in der mitte
die der regen nicht erreicht über die treppen
ein bett aus einem schlafsack und verschlissenen kissen
sie sitzt auf diesem bett
und wartet mit grandezza
bis der tag zu ende geht
sie ist allein
so eine kleine zarte frau
allein mit all’ der weisheit im gesicht
allein mit ihrem intellekt
allein mit ihrer grandezza
münchen du stadt der verheissungen
münchen du stadt der leicht zu erklimmenden himmels leiter
selbst in dir kann man zur principessa unter den treppen werden
ich sehe sie kommen
ich sehe sie warten
ich sehe sie gehen
zwei jahre lang schon
wir lächeln uns an
ich habe es nicht gewagt zu ihr zu sprechen
sie könnte vielleicht ein spiegel sein
ich habe respekt vor ihr
ich lächle und denke über sie nach
wie alt sie wohl sein mag
sie muss sehr schön gewesen sein
und immer schon klüger als die
die an ihr vorbeigehen und almosen spenden
die sie nicht braucht
vielleicht hat sie sich nur verschätzt in der tiefe
vielleicht hat sie es so gewollt
ich sehe ihre würde
ich sehe ihre grandezza
ich nenne sie principessa
münchen du stadt des weiss blauen glanzes
noch beschützen mich deine marien türme
doch immer mehr zieht es mich hin
zur rücken seite des lichts
es kommt noch mehr winter
den schacht durchströmt kälte
sie liegt hier zur probe
die lippen rissig
ödeme von den mundwinkeln zu den wangen hin
sie schläft sich über die zeit
ich habe überlegt, ob ich sie frage
mit mir zu sein am abend der geweihten nacht
deren festlichkeit ich so gerne allein zelebriere
ich habe überlegt, ob ich sie frage
ob ich es wage
sie zu dulden mit läusen und flöhen
auf meinen weissen kissen
ich habe nicht gefragt
doch es war nicht darum
ich habe nicht gewagt zu erfahren
was mir so fremd
gar nicht erscheint
was immer da war
als möglichkeit in meinem leben
ich habe gelächelt
doch die traurigkeit zog als schwert in meine mitte ein
und durchtrennte meine hälften
als ich wieder zur arbeit ging
durch die fussgängerunterführung hinter dem bahnhof
ich habe nie erfahren
ob sie gefunden hat
was sie suchte
was hat sie nur berührt in mir
la principessa unter den treppen
dass ich sie nach all’ den jahren
wie eine vertraute in mir trage
c esther hebein. nomaden / Lyrik

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