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Esther
Gelöschter Benutzer
Re: DIE DRITTE TÜR ZUM OSTEN - Ich bewege mich mit meinen Gedanken und Geschichten gerne an den Rändern der breiten Straßen. Mit diese
von Esther am 16.03.2009 17:59Ja, liebe Sigrid - du hast genau beschrieben, was meine Intention dieser "wieder-zuhause-Szene" war. Henrys sexuelle Erregung überträgt sich auf das Verhalten gegenüber seiner Frau, er "macht sich Luft", befreit sich.
Was mich ein wenig erstaunt, ist die Tatsache, dass Frauen genau diese Szene einzuordnen versuchen, die im Prinzip nur ein Mosaikstein der ganzen Geschichte ist. Die große Linie geht ja eigentlich ganz woanders hin - dorthin, wo die Möglichkeiten der Sexualität verborgen ruhen. Und zu dem Erkennen einer bisher rein heterosexuell erfahrenen Person, dass gleichgeschlechtliche Liebe nichts "Abartiges" ist, dass ihr Zelebrieren beim Beobachter enorme erotische Potenz erzeugt, keine Abwendung oder gar Abscheu. Dass es eben auch zwischen gleichgeschlechtlichen Personen Liebe und Leidenschaft ist, die Körper und Geist gleichermaßen vereinnahmt. Wenn Jemand sehen kann (Henry) bzw. lesen kann (LeserInnen) muss er Enzo und Luca so verstehen.
Ach ja - und ich habe hier keine Mann/Frau-Geschichte geschrieben. Es wäre falsch, sie darauf hinpolen zu wollen. Deshalb wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass Henry das Erlebte mit seiner Frau bespricht. Das ist seine ganz eigene Erfahrung und dieser muss er erstmal Platz einräumen in seinem Inneren.
Liebe Grüße,
Esther
Re: DIE DRITTE TÜR ZUM OSTEN - Ich bewege mich mit meinen Gedanken und Geschichten gerne an den Rändern der breiten Straßen. Mit diese
von SigridEbert am 16.03.2009 14:15Liebe Esther,
ich sehe, dass Du Bettina geantwortet hast, gerade als ich Bettinas Antwort geschrieben hatte,
die ich nun nicht mehr ändern wollte.
Doch beim Lesen Deiner Antwort fällt mir auf, dass wir das Geschehen der Liebenden ähnlich empfinden.
Also doch Herzensschwestern 
Alles Liebe
Sigrid
Re: DIE DRITTE TÜR ZUM OSTEN - Ich bewege mich mit meinen Gedanken und Geschichten gerne an den Rändern der breiten Straßen. Mit diese
von SigridEbert am 16.03.2009 14:10Liebe Bettina,
ja ich kann gut verstehen, was Du meinst. Doch ich möchte Dir hier noch eine andere Möglichkeit der Sichtweise zu dem Ende der Geschichte schildern, denn ich denke, es gibt immer mehrere Standpunkte zu einem Geschehen.
Als ich das erste mal Esthers Geschichte las, musste ich zunächst einiges für mich „sortieren“, und habe dann die Geschichte noch ein Mal lesen.
Beim zweiten Durchgang fiel mir auch der von Dir geschilderte Unterschied zwischen dem Liebesakt der beiden Männer Enzo und Luca und dem zwischen Henry und seiner Frau auf. Doch ich kam zu anderen Schlussfolgerungen und bin gespannt, ob das auch eine Variante für Dich sein könnte.
Henry hatte ein erregendes, erotisches Erlebnis, hat Bilder in seinem Kopf und ist immer noch in Erregung, fühlt immer noch die entfachte Leidenschaft. Als er zu Hause ist und seiner Frau begegnet, will er diese Leidenschaft ausleben und gibt sich seiner Erregung einfach hin. Seine Frau reagiert verunsichert, weil sie ihn so nicht kennt, oder nicht mehr so kennt. Das verunsichert sie, ihr fehlt einfach der Bezugsrahmen um es zu verstehen, denn Henry hat ihr offensichtlich nichts von seinem Erlebnis erzählt.
Henry spürt jedoch ihre Verunsicherung und signalisiert ihr - es ist alles in Ordnung - indem er ihr sagt: „ich liebe Dich!“
Wenn ich das weiter spinne, würde ich sagen, dass Henry sich um eine Erfahrung beschneidet, denn wenn er es ihr erzählt hätte, würde sie mitschwingen können in seiner Leidenschaftlichkeit und beide hätten einen Zugewinn an erotischer Erregung und ekstatischer Erlösung.
Für mich ist das eine harmonische Variante.
Lieben Gruß Sigrid
Der Journalist
von Kirsten am 16.03.2009 00:04Bildhintergrund: Unvorteilhaftes Foto von Tom B. nach einem siegreichen Badmintonturnier im durchgeschwitzen T-shirt und roten Flecken im pausbäckigen Gesicht. Volle Schärfe auf Tom B, die umarmenden Kumpel mit datenschutzkorrekt verpixelten Gesichtern, der Hintergrund unscharf bearbeitet. Der Blick des Zuschauers frisst sich unweigerlich in Tom B`s Gesicht.
Der Journalist: "Das ist Tom B. Der Junge, den niemand gern hatte. Ausgegrenzt und gemobbt wurde er, ungeachtet seiner Badmintonerfolge. Als durchschnittlicher Schüler brachte er es nie zu Ruhm und Ehre. Beachtet wurde er nur, wenn seine Mitschüler über ihn lachten, mit dem Finger auf ihn zeigten, ihn ausgrenzten. So wurde Tom B. zu einem Aussenseiter, flüchtete sich in virtuelle Realitäten und fraß all seinen Frust in sich hineinen, bis er schließlich explodierte."
Bildhintergrund: Das Elternhaus des Tom B in Nahaufnahme, durch die Spalten der geschlossenen Jalousie erheischt der aufmerksame Zuschauer einen Blick ins Innere, ein gutbürgerliches Wohnzimmer, Eiche rustikal. Straßenschild und Hausnummer sind deutlich zu erkennen.
Der Journalist: "Hier wuchs er auf, eines der besseren Häuser im beschaulichen Schitdorf in Schleswig-Holstein. Geld spielte nie eine Rolle. Hier verschanzen sich die Eltern des Täters. Klaus und Marianne B. um unbequemen Fragen der Journalisten aus dem Wege zu gehen. Mehrere Polizisten vor dem Haus sorgen dafür, dass es auch so bleibt, die Straße ist weiträumig abgesperrt"
Bildhintergrund: Ein Schulzentrum aus Betonbauplatten. Davor der schmucklose Schulhof. Keine Menschen.
Der Journalist: "Wann werden unsere Politiker endlich etwas tun gegen Mobbing und Gewalt an unseren Schulen? Wann lernen Schüler den friedlichen Umgang miteinander, ohne andere auszugrenzen, mit dem Finger auf Schwächere zu zeigen, wann lernen Schüler endlich einen respektvollen Umgang miteinander?"
Bildsequenz: Der Journalist in Großaufnahme, eindringlich starren blaue Augen in den Schlund des Kameraobjektivs und somit in Millionen Wohnzimmer zur besten Vorabendsendezeit.
Der Journalist: "Respekt, friedlicher Umgang, Akzeptanz von Aussenseitern, Intergration der Andersartigen, der Schwachen, der Wehrlosen. das sind die moralischen Ziele, die unsere Schulen endlich verfolgen sollten. Unsere Schulen und die Elternhäuser! Dann werden wir endlich aufatmen können, weil nur so die Gefahren solcher tickenden Zeitbomben unter unseren Schülern gebannt werden können! Die Menschenrechte sollten endlich Einzug in unseren Schulen halten"
Bildsequenz: Der Blickwinkel vergrößert sich langsam. Das Gesicht des Journalisten wird von einem modernen Flatscreen-Fernseher umrahmt. Dann erkennt man einen Wohnzimmerschrank, Eiche rustikal. Ein Wohnzimmer erscheint im äußeren Bildrand. Auf dem Sofa sitzt ein Mann mittleren Alters mit einer Schußwaffe in seiner Hand. Er steckt langsam den Lauf der Waffe in seinen Mund und drückt ab.
Doch wenn ich vor der Dummheit die Augen verschlösse, wäre ich mit dafür verantwortlich, dass sie ins Kraut schießt.
Die wuchert nämlich schon beim Hingucken, aber was glaubt Ihr, wie die wuchert, wenn Ihr wegguckt (Hermann Prignitzer)
Die Bescheidwisser
von Kirsten am 15.03.2009 23:25Kaum ist endlich mal was los in der Welt, kommen sie aus ihren Löchern gekrochen, direkt vor jede Fernsehkamera, unausweichlich vor jedes Mikrofon, unaufhaltbar und machtvoll. Die Bescheidwisser.
Sie erklären das Unerklärbare, sie erläutern das Unfassbare, erhellen das schwärzeste Schwarz und plaudern lässig über Unaussprechlichliches.
Gerne titelgeschmückt, wissenschaftlich abgesegnet, äußerlich einem Bild entsprechend, verbal eloquent und allen anderen immer mindestens einen Schritt voraus.
Ich mag sie nicht, die Bescheidwisser, vielleicht, weil ich selber gerne einer wäre... Dann wäre meine Welt ein gallertartiger Sicherheitssumpf, die Realität klar wie durch frischgeputzte Brillengläser und das Gefühl der Unwissenheit und Ratlosigkeit so fremd wie japanische Hochzeitsriten im Mittelalter.
Obwohl... neee... will ich doch nicht. Aber trotzdem mag ich sie nicht, die Bescheidwisser.
Kirsten, immer auf der Suche nach der Wahrheit aber eigentlich auf der Flucht vor ihr.
Doch wenn ich vor der Dummheit die Augen verschlösse, wäre ich mit dafür verantwortlich, dass sie ins Kraut schießt.
Die wuchert nämlich schon beim Hingucken, aber was glaubt Ihr, wie die wuchert, wenn Ihr wegguckt (Hermann Prignitzer)
Esther
Gelöschter Benutzer
Re: DIE DRITTE TÜR ZUM OSTEN - Ich bewege mich mit meinen Gedanken und Geschichten gerne an den Rändern der breiten Straßen. Mit diese
von Esther am 15.03.2009 22:55Liebe Bettina,
ich kann von mir Geschriebenes nur schlecht erklären. Ich habe die Idee, manchmal viele Sentenzen einer Geschichte im Kopf, beginne zu schreiben und lebe dann während des Schreibens die Geschichte - oft in mehreren Protagonisten.
Was deine Frage betrifft, hatte ich nicht im Sinn, ein Machtverhältnis zwischen Mann und Frau zu beleuchten. Meine Intention war, dass dieses ganz ungewöhnliche Empfinden von Sexualität, in das Henry zum ersten Mal eintauchte, in ihm noch nicht abgeebbt war. Dass in ihm das Verlangen nach seiner Frau so hart und fordernd emporstieg, da er immer noch durcheinandergerüttelt war in seinen Gefühlen, dass er zu diesem Zeitpunkt genauso einen Mann hätte lieben können. Und dass ihm bei allem doch bewusst war, er liebt seine Frau - was er ihr ja auch sagt.
Ja und den Rest teilt er seinem Freund dann mit. "Was sich einmal in dich verzahnt hat, lässt dich nie mehr los."
Ich wollte mit der Geschichte sagen, dass es jedem heterosexuellen Menschen passieren kann, eine andere, gleichgeschlechtliche Dimension zu entdecken. Und ich persönlich glaube auch, dass die Facetten eines sexuellen Empfindens gegenüber dem eigenen Geschlecht in jedem Menschen vorhanden sind. Nur dürfte es sehr unterschiedlich sein, inwieweit sich ein Mensch dessen überhaupt bewusst wird, ob sich ihm jemals eine Gelegenheit mit einem passenden Pendant bietet und vor allem, ob er sich solche Gedanken und solches Tun selber erlaubt.
Liebe Grüße,
Esther
Re: DIE DRITTE TÜR ZUM OSTEN - Ich bewege mich mit meinen Gedanken und Geschichten gerne an den Rändern der breiten Straßen. Mit diese
von Bettina am 15.03.2009 16:55Eine Geschichte, auf deren besondere Atmosphäre ich mich erst ganz in Ruhe einlassen musste, um ihr folgen zu können. Was mich dann an dieser Geschichte berührte, überraschte mich selbst. Es war nicht die Tür, die dem Henry in der Erzählung im direkten wie übertragenen Sinne geöffnet wurde. Dessen Schlüsselerlebnis mag ein schöner, auch ein wesentlicher Aspket der Geschichte sein, beschäftigt hat mich aber sehr bald etwas anderes: Einen zentralen Raum nimmt ja die Beschreibung der Sexualität zwischen Enzo und Luca ein. Hier ist alles harmonisch, ganz selbstverständlich, ein schönes, gleichberechtigtes Geben und Nehmen. Geradezu beunruhigend liest sich für mich dann die Passage fast am Ende der Erzählung, in der Henry wieder zu Hause ist und eine sexuelle Begegnung mit seiner Partnerin beschrieben wird. Es sind nur wenige Sätze, aber hier, zwischen Mann und Frau, ist alles ganz anders als zwischen Mann und Mann. Hier ist plötzlich alles ganz ungleichgewichtig.
Der Zusammenhang zwischen Sexualität und Macht, das Verhältnis zwischen Männern und Frauen, sollte die Leserin auf diese Fährte gebracht werden oder ist sie hier auf einen Nebenweg geraten? Das fragt mit einem Augenzwinkern und mit herzlichem Gruß Bettina.
Zartbitter
Gelöschter Benutzer
Re: Vorurteile gegenüber einer Kranken....
von Zartbitter am 15.03.2009 12:23Liebe Bettina,
es ist sicher schwierig in so einer Situation mit einem Menschen richtig umzugehen.
Für mich selber war es ja auch schwer die Veränderungen zu erkennen , zu verstehen und vor allem anzunehmen.
Als Kollegin hätte ich mich wahrscheinlich ähnlich verhalten, gewisse Dinge abgenommen. Aber das ohne vorher zu fragen?
Weißt Du, manches Mal kam es mir vor, als hielten mich einige Menschen für geistig verwirrt oder gar behindert.
Wenn Dir kaum jemand etwas zutraut oder Dir Verantwortung überlässt, was vorher alles selbstverständlich war.
Meine eigene Verunsicherung enstand ganz klar durch die Tatsache, dass ich mir eingestehen musste einiges, vieles nicht mehr zu können wie zuvor.
Was ich mir gewünscht hätte...?
Normalität, ich war die gleiche Frau, der gleiche Mensch. Ich hatte eine schwere Erkrankung und wollte ganz normal leben so wie es immer war, vorher.
Sicher auch zuviel verlangt, denn es mussten auch Veränderungen sein, aber doch bitteschön von mir und vor allem von mir entschieden.
Es ist das schlimmste, einem Menschen etwas ungefragt aus der Hand zu nehmen.
Ein Beispiel: Beim Arzt wollte eine Frau einem älteren Mann, sichtbar re.-seitig gelähmt in den Mantel helfen. Er schütteltsich, wurde unwirsch, fast schon verärgert. Er wollte es alleine machen, dauerte es auch noch solang....
Ich habe auch Gespräche geführt, mit den Menschen die mir wichtig sind.
Und eines noch, dass es die meisten wirklich und von Herzen gut meinten weiß ich.
Liebe Grüße
Marion
Re: Vorurteile gegenüber einer Kranken....
von Bettina am 14.03.2009 19:23Liebe Marion, Du fragst, warum kranke Menschen plötzlich anders behandelt werden. Und ich habe mich beim Lesen des von Dir Geschilderten gefragt, wie hätte ich mich wohl verhalten? Angenommen, ich wäre vor und nach Deiner Erkrankung eine Kollegin von Dir gewesen, hätte ich warscheinlich auch versucht, besonders auf Dich zu achten, Dir vielleicht auch etwas abzunehmen, wo es möglich ist, vielleicht auch ohne Dich zu fragen, möglichst unbemerkt. Und damit hätte ich dann, wenn ich Dich richtig verstehe, schon alles falsch gemacht.
Du schreibst, dass Du über viele Wochen und Monate nicht dieselbe warst wie vor der Erkrankung, erzählst von der erst nach und nach wieder entstehenden geistigen Beweglichkeit. Den Menschen in Deinem Umfeld ist die Veränderung ja auch nicht entgangen. Vermutlich verhielten sie sich Dir gegenüber anders als vor Deiner Erkrankung, weil sie auf Dich achten und Dir helfen wollten, solange Deine Kraft noch nicht wieder die alte war. Und Du fühltest Dich, wenn ich Dich richtig verstanden habe, dadurch ausgegrenzt.
Wenn Dein damaliger Partner Dich gefragt hat, ob Dir dieses oder jenes auch wirklich nicht zuviel wird, wenn Deine Kinder Dich mit ihren Problemen lieber nicht behelligen wollten, dann geschah das ja warscheinlich in guter Absicht. Und auch aus der Verunsicherung heraus, was können wir ihr nun zumuten, was lieber nicht. Unsicherheit spielt bestimmt eine große Rolle, wenn wir uns nicht so verhalten, wie es gerade gut und hilfreich wäre.
Aber womöglich entstand auch in Dir selbst eine Verunsicherung dadurch, dass vieles nicht mehr so ging, wie vor der Erkrankung und hat Deinen Blick auf die Menschen, mit denen Du zu tun hattest, verändert?
Sehr gern möchte ich von Dir wissen, liebe Marion, welches Verhalten Du Dir von den Menschen in Deinem Umfeld damals gewünscht hättest. Was wäre richtig und nötig für Dich gewesen? Hätten sie Dich einfach fragen sollen? Ignoranz aller Veränderungen wäre ja wohl auch kein Weg gewesen, oder? Hast Du versucht, darüber zu reden, was für Dich gut wäre, was Du für falsch oder unnötig hälst?
Bitte verzeih mir meine ungeschickten Fragen, aber ich möchte es wirklich wissen. Jede und jeder von uns kann unvorbereitet mit einer ähnlichen Situation konfrontiert werden. Vielleicht kannst Du mir helfen, etwas zu lernen. Herzliche Grüße von Bettina.
Esther
Gelöschter Benutzer
Toleranz - vielleicht ein Spiegel
von Esther am 14.03.2009 15:06Ja, was ist Toleranz? Für mich ein schier unerschöpfliches Thema, nicht abzuhandeln mit ein paar Gedanken oder ein paar Sätzen. Ich denke, es gibt erstmal eine allgemeine Toleranz - zum großen Teil geprägt aus Gesellschaft, Familie, sozialen Gegebenheiten, auch als Stempel des Staatsgefüges, in dem man sich befindet. Und es gibt zum zweiten eine sehr persönliche Toleranz - die aus der Basis der allgemeinen Toleranz schöpft, sich aber vordergründig aus persönlichen Erlebnissen manifestiert und vor allem aus der persönlichen Reife (oder Nicht-Reife) eines Menschen entsteht.
Ich will aber nicht zu sehr auf die Analyse des Begriffs Toleranz eingehen, sondern zu den beiden geschilderten Toleranzfragen kommen, die für mich aufzeigen, wie weit gefächert und vielfältig die Toleranzpalette sein kann.
Marion vermisst Toleranz gegenüber dem Kranksein. Ich denke, man könnte hierzu auch sagen: dem Anderssein, dem Aussergewöhnlichen, dem nicht (oder nicht mehr) der Gewohnheit Entsprechenden. In diese Kategorie fällt ein großer Teil dessen, was uns überhaupt mit dem Begriff Toleranz verbindet. Was ist - wann, wo, wie - passend oder unpassend für den kleinen oder größeren Kreis, in dem der Toleranz gegenüber anderen Individuen Platz eingeräumt wird? Warum verunsichern Menschen, wenn sie sich nicht in die vorgegebene, im Gehirn gespeicherte Form einfügen? Denn Intoleranz gegenüber dem Anderssein kann nur aus Verunsicherung, auch aus einem Sich-Verstecken entstehen. Man ist nicht manns- oder weibs-genug, sich über das Fremde, das Unbekannte, informieren zu wollen, geradeaus darauf zuzugehen - man zieht den Kopf ein und entscheidet vorsichtshalber dagegen. Ein Spiegel des eigenen Unvermögens.
Und doch denke ich auch, dass in allen Fällen Toleranz keine einseitige Angelegenheit ist. Auch der, der sie vom Anderen einfordert, muss etwas dazu geben. Natürlich ist jeder Fall für sich individuell. Doch es bedarf ganz sicher auch einer Öffnung dessen Menschen, der eben "anders" ist - einer pragmatischen Öffnung, die nicht unbedingt darauf abzielt, dieses Anderssein ausschließlich emotional beweisen und begründen zu wollen. Ich glaube, man muss mit der Situation, die einem das Leben in eine aus der Norm fallende Richtung gewiesen hat, in Einklang gekommen sein. Wenn man sie in Demut zu sich selber und im Selbstbewusstsein gegenüber jedem Anderen angenommen hat und nicht mehr mit den Pfründen der Vergangenheit hadert, kann man mit Jedem, der es einem wert erscheint, in ein offenes Gespräch eintreten und man hat selber große Macht, die Toleranzgrenzen in einzelnen Köpfen zu erweitern.
Was Kirsten anspricht, ist für mich eher in eine gewisse Erträglichkeits-Toleranz einzuordnen, der jeder Mensch in seinem persönlichen Umfeld mehr oder weniger ausgesetzt ist. Und hier wiederum meine ich, dass die Toleranz schon gewisser Grenzen bedarf - denn wenn man diese nicht setzt, weiss man selber nicht genau, wo man steht. Für mich persönlich ist es eben eine Frage, ob man aufgrund gewisser Kenntnisse über einen Menschen dessen Verhalten (das im Grunde egoistisch und gesellschaftsschädigend ist) entschuldigen kann. Ich glaube, ich würde es nicht tun. Für mich hat das etwas Erpresserisches, das aber der "Erpresste" in sein eigenes Gehirn projiziert hat. Jeder Mensch - egal, was er einmal geleistet hat oder nicht - muss eine veränderte Lebenssituation akzeptieren und sie leben. Er hat nicht das Recht, einen persönlichen Verlust durch Tyrannei anderer Personen zu kompensieren. Siehe "Toleranz". Die von Kirsten geschilderte Person zeigt für mich keine Toleranz gegenüber ihren unmittelbaren Nachbarn.
Vielleicht ist die eigene Toleranz gegenüber Anderen genauso wie die Toleranz, die man für sich selber einfordert, in gewissem Maße doch ein Spiegel des eigenen Ichs - um es mal ganz verkürzt zu sagen.
In diesem Sinne freue ich mich auf weitere Beiträge!
Herzlich,
Esther
Antworten
